Putin will den türkischen Falken abkühlen

Idlib ist Erdogans letztes Gefecht, aber die Kämpfe gehen weit über Syrien hinaus und sie werden zu einem weiteren Stellvertreterkrieg zwischen der NATO und Russland.

Turkish President Tayyip Erdogan reviews a guard of honour as he arrives at a meeting in Kutahya, Turkey, on January 20, 2018. Photo: Kayhan Ozer / Presidential Palace / Handout via Reuters Kayhan Ozer / Presidential Palace

Dieses lästige “Assad-Regime” will einfach nicht verschwinden. Die neue westliche Erzählung über Syrien propagiert, dass das Regime dabei ist, über 900.000 Menschen zu “massakrieren”, die dabei sind aus den nicht wirklich deeskalierten Zonen auf dem Land in den Provinzen Idlib und Aleppo zu fliehen.

Dabei fehlt wie immer der Kontext. Die Massen die aus diesem diesem Gebiet flieht, musste unter dem Joch der unzähligen Inkarnationen von al-Qaida leben. Sie sind sich bewusst, dass die Offensive der syrisch-arabischen Armee (SAA) echt ist und alle Dschihad-Löcher, ob durch menschliche Schilde geschützt oder nicht, bombardiert werden.

Aber die relevanteste Geschichte ist das, was Sultan Erdogan will. Ankara und Moskau, die Partner im Astana-Prozess, der theoretisch den Weg für den Frieden in Syrien stehen an einem Scheideweg. Anfang der Woche gab es lange Gespräche und am Freitagabend ein wichtiges Telefongespräch zwischen Erdogan und Putin. Es herrscht eine Pattsituation und sie scheinen nur einer “Intensivierung der Kontakte” zugestimmt zu haben.

Ankara akzeptiert offiziell “nicht die von Moskau vorgelegte Deeskalations-Strategie”. Der russische Außenminister Sergej Lawrow betont, dass es sich um die gleiche Strategie handelt und das es keine zusätzlichen Forderungen gab. Aber Erdogan droht impulsiv mit einem Remix des “Euphratschildes” oder einem “Friedensfrühling”, wie bei der Invasion von Idlib.

Moskau ist verärgert und steht kurz davor, ihm die Krawallaktion vor zu halten

Wenn es um den Friedensprozess in Syrien geht, ist Idlib Ankaras letzter Halt, wenn es darum geht, mit irgendetwas zu verhandeln. Erdogan und seine Berater sollten der Realität ins Auge sehen und wissen, dass die Nord- und Westseite von Aleppo für immer unter der Kontrolle von Damaskus steht.

Das türkische Militär ist hauptsächlich auf dem Land östlich der Stadt Idlib und in einer Stadt namens Atarib stationiert. Die wirklichen Kämpfe vor Ort in Idlib werden nicht von türkischen Soldaten geführt , sondern zu über 80% von den Milizen der Dschihadis und Protodschihadis, die der Westen gerne als “Rebellen” bezeichnet; Hayat Tahrir al-Sham (HTS, in Syrien aka al-Qaida), die Islamische Partei Turkistans und andere kleinere Gruppierungen.

Ankara hat den Eindruck, das bei einer politischen Lösung sich diese Einheit von “Rebellen” von ganz alleine auflösen werden. Aber das ist Unsinn. Die türkische Regierung glaubt, dass diese Zehntausende von “Rebellen” von einem Tag zum anderen die Waffen niederlegen werden, nach Hause zurückkehren und einen Dönerstand eröffnen werden.

“Magnet für Terroristen”

Washington wird, zumindest offiziell für die Akten, keine US-Truppen zur Unterstützung seines “NATO-Verbündeten” schicken. Dennoch zählt Ankara sicherlich darauf, Informationen und mehr Waffen zu erhalten. Erdogan will das an der Grenze liegende Hatay mit Patriot-Raketen versorgt wird. Sollte dies geschehen, würde das Pentagon sie nicht direkt liefern, sie würden über NATO-Mitglieder geliefert.

Die geopolitische Bedeutung von Idlib ist kristallklar. Das geht weit über Ankara gegen Damaskus hinaus und es entwickelt sich ein weiterer bedrohlicher Stellvertreterkrieg zwischen der NATO und Russland, der letztlich von Erdogan geführt wird.

Sogar das Pentagon hat versehentlich durchblicken lassen, dass Idlib ein “Magnet für Terroristen” ist. Aber aus der Sicht Washingtons ist dies ein Schnäppchen. Jeder schwerwiegende Fehltritt wird begrüßt, wenn er das türkisch-russische Bündnis zum Absturz bringen soll, die seit dem Abschuss eines russischen Suchoi-Jets Ende 2015 von beiden Seiten mühsam wieder aufgebaut wurden.

Moskau kann Erdogans Torheit durchschauen. Die Russen haben laut und deutlich gesagt, dass jedes türkische militärische Abenteuer nicht toleriert wird. Es ist als ob Erdogan sich der Tatsache nicht bewusst ist, dass dies alle in das unberechenbare NATO-Territorium gegen Russland führen würde. Immerhin erhält Erdogan rote Alarmsignale von Experten für internationale Beziehungen, die die Gefahr eines Stellvertreterkriegs Ankaras in Syrien im Namen Washingtons sehen.

Die entscheidende Geschichte der NATO ist in Wirklichkeit viel verworrener. Diplomatische Quellen in Brüssel sagen, dass die neue NATO-Offensive versucht, sowohl im Irak als auch in Jordanien tief einzugreifen, um die Situation in Syrien als ungelöst Konflikt am laufen zu halten.

Zu all dem kommt noch hinzu, dass ein neuer Bericht der RAND Corporation mit dem Titel “Turkey’s Nationalist Course” sowohl in Ankara als auch in Istanbul die Möglichkeit eines neuen Militärputsches in der Türkei aufzeigt.

Dabei könnte es sich entweder um Wunschdenken oder eine “Empfehlung” an Trump vom tiefen Staat handeln. Beide Szenarien sind plausibel. Man kann sich leicht Erdogans  schlaflose Nächte vorzustellen, in denen er versucht herauszufinden, wer wirklich seine Freunde sind.

Als ob dies nicht schon chaotisch genug wäre, bleiben die Beziehungen zwischen der NATO und Russland frostig. Vor einer Woche traf Außenminister Sergej Lawrow mit dem NATO-Generalsekretär, dem unbedeutenden Jens Stoltenberg in München zusammen. Innerhalb des Russland-NATO-Rates ist keine Kommunikation auf militärischer Ebene in Sicht, sondern nur eine politische. Moskau betont immer wieder den fast völligen Mangel an Vertrauen zwischen beiden Seiten was nur zu gefährlichen Eskalationen auch in Syrien führen kann.

Es gibt keine andere mögliche Lösung für Idlib, als der Türkei nahe der Grenze eine für Erdogan akzeptable Einflusssphäre zu verschaffen. Aber dann wäre der Verlierer Damaskus das jetzt mit voller Kraft daran arbeitet, seine territoriale Souveränität wieder zu erlangen und das um jeden preis. Aber andererseits ist der Schlüssel der Russland braucht um den  Falken aus der Türkei endlich besänftigen kann.

Putin keen to cool Turkish hawk down

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