Wer ist mächtiger – Staaten oder Konzerne?

File 20180709 122265 iolpwb.jpg?ixlib=rb 1.1Die Welt ist ein Geschäft. Bild World party.ktsdesign

Wer hat die Macht in der internationalen Politik? Die meisten Leute würden wahrscheinlich sagen, es sind die größten Staaten im globalen System. Die aktuelle Landschaft der internationalen Beziehungen scheint diese Intuition zu bestätigen: Die neue russische Geopolitik, “America First” und die staatlich geführte globale Expansion Chinas scheinen nach Jahrzehnten der Globalisierung die Staatsmacht wieder an die Macht zu bringen.

Doch multinationale Konzerne wie Apple und Starbucks haben immer noch phänomenale Macht. Sie überwachen riesige Lieferketten, verkaufen Produkte in der ganzen Welt und gestalten die internationale Politik nach ihren Interessen. In mancher Hinsicht haben multinationale Konzerne Regierungen auf dem Kieker – sie sind Zeugen ihres stetigen Erfolgs bei der Umgehung von Steuerzahlungen. Wenn es also um die internationale Politik geht, haben die Staaten wirklich das Sagen?

Wir vergleichen Staaten und Unternehmen anhand der Größe ihrer Brieftasche. Die folgende Tabelle ordnet die 100 größten Unternehmen und Länder nach ihrem Umsatz im Jahr 2016. Bei den Einnahmen der Staaten handelt es sich im Wesentlichen um die eingezogene Steuern.

An erster Stelle stehen die USA, gefolgt von China und Japan (die Eurozone steht mit mehr als 5.600 Milliarden US-Dollar an erster Stelle, wenn wir sie als eine einzige politische Einheit betrachten). Aber viele Unternehmen sind auf Augenhöhe mit einigen der größten Volkswirtschaften der Welt: Walmart übertrifft beispielsweise Spanien und Australien. Von den 100 umsatzstärksten Unternehmen sind 71 Unternehmen in unserem Ranking vertreten. Klick Bild für größer….

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Beachten Sie auch, dass die führenden Unternehmen die gleiche Nationalitäten-Ordnung aufweisen wie der Staaten: Dem amerikanischen Walmart folgen drei chinesische Firmen. Es gibt bereits 14 chinesische Firmen in den Top 100, die USA haben 27.

Unser Vergleich ist notwendigerweise grob, deutet aber darauf hin, dass neben den allergrößten Staaten die Wirtschaftskraft von Unternehmen und Staaten im Wesentlichen gleichwertig ist. Das hat uns veranlasst, in einem aktuellen Papier zu versuchen, die Macht der Unternehmen in der internationalen Politik zu überdenken. Wir haben argumentiert, dass die Globalisierung zu einer globalen Struktur geführt hat, in der staatliche Macht nicht mehr das alleinige Regierungsprinzip ist.

Denken Sie nur an die private und öffentliche Macht globaler Giganten wie Google oder Apple. Als Donald Trump kürzlich mit Apple-Chef Tim Cook zusammentraf, um zu diskutieren, wie ein Handelskrieg mit China die Interessen von Apple beeinflussen würde, zeigte er, dass die führenden multinationalen Unternehmen politische Akteure sind und nicht nur Zuschauer.

Es gab immer große und mächtige Weltkonzerne – die Dutch East India Company dominierte den europäischen Handel in den 1600er und 1700er Jahren. Doch die derzeitige Machtposition der Weltkonzerne gegenüber anderen Akteuren ist in Bezug auf Größe und Volumen beispiellos.

Wie globale Macht funktioniert

Die Staatsmacht ist mit der Globalisierung nicht verschwunden, sondern hat sich verändert. Sie konkurriert nun mit Unternehmen um Einfluss und politische Macht. Staaten nutzen Unternehmen und umgekehrt, wie die beiden folgenden Beispiele zeigen: Offshore-Finanzierung und transnationale Staatsunternehmen.

Um mit der Offshore-Finanzierung zu beginnen, verwenden globale Unternehmen unterschiedliche Rechtssysteme, um zu vermeiden, dass sie in ihrem Heimatland besteuert oder reguliert werden. Verlorene Steuern aufgrund von Gewinnverschiebungen könnten weltweit bis zu 500 Milliarden US-Dollar betragen. Wenn Staaten sich als Steuerparadiese positionieren, untergraben sie die Fähigkeit von “Onshore”-Staaten, Kapitalgesellschaften und vermögende Privatpersonen zu besteuern – ein Eckpfeiler der Staatsmacht.

Neben den Steueroasen sind zahlreiche EU-Regierungen dafür bekannt geworden, “Sweetheart Deals” anzubieten, die die Steuerlast für bestimmte multinationale Unternehmen in erstaunlichem Maße reduzieren. Außerdem hat unsere CORPNET-Forschungsgruppe an der Universität Amsterdam kürzlich fünf Länder identifiziert, die eine wichtige zusätzliche Rolle bei der Erleichterung der Steuerumgehung spielen: Großbritannien, die Niederlande, die Schweiz, Irland und Singapur. Sie ermöglichen es multinationalen Unternehmen, Investitionen zu minimalen Kosten zwischen Steueroasen und Onshore-Ländern zu verlagern.

Zu unserem zweiten Beispiel: Staaten sind in den letzten Jahren als globale Unternehmenseigentümer gewachsen. Sie kontrollieren nun fast ein Viertel der Fortune Global 500. Durch Investitionen in staatliche Unternehmen außerhalb ihrer Grenzen gewinnen Staaten strategische Hebelwirkung gegenüber anderen Staaten oder Akteuren – die russischen Gaspipeline-Bestände über Gazprom in Osteuropa sind ein gutes Beispiel. Dies hat einige Beobachter veranlasst, eine mögliche Transformation der liberalen Weltordnung durch den “Staatskapitalismus” zu diagnostizieren.

Die folgende Abbildung zeigt die angesammelte Zahl der transnationalen staatlichen Unternehmen oder TSOEs, die sich im Besitz der einzelnen Länder befinden. Die Knoten stellen Zustände als Eigentümer dar: je größer und dunkler ein Knoten, desto mehr Unternehmen besitzt er außerhalb seiner Grenzen (klicken Sie auf das Bild, um es zu vergrößern).

Die Illustration der Autoren basiert auf Daten aus der ORBIS-Datenbank von Bureau van Dijk. https://www.bvdinfo.com/nl-nl/our-products/company-information/international-products/orbis

Beachten Sie die überragende Position Chinas (CN), das über 1.000 TSOEs kontrolliert, darunter Sinopec und ICBC China. Länder wie Frankreich (FR) und Deutschland (DE) sind ebenfalls prominente Eigentümer, aber auch ihre Verbindungen nach China zeigen, dass sie Ziele von TSOE-Investitionen sind.

Es zeichnet sich ab, dass die internationalen Beziehungen alles andere als eine einseitige Geschichte der Staats- oder Unternehmensmacht sind. Die Globalisierung hat die Spielregeln verändert, indem sie Unternehmen befähigt, aber durch neue transnationale Beziehungen zwischen Staat und Unternehmen die Macht des Staates zurückbringt. Internationale Beziehungen sind zu einem riesigen dreidimensionalen Schachspiel mit Staaten und Unternehmen als ineinander verschlungenen Akteuren geworden.

Dieser Wandel der globalen Umwelt wird sich wahrscheinlich fortsetzen und sogar beschleunigen. So blockierte Washington kürzlich den großen chinesischen Telekommunikationshersteller ZTE den Zugang zu kritischen amerikanischen Lieferanten. Sie hat dies getan, um in den Handelsverhandlungen mit Peking Vorteile zu erzielen. Der Chinese Sovereign Wealth Fund zog dann seine langjährige Beteiligung an der amerikanischen Blackstone Group zurück, nachdem Trump Wirtschaftssanktionen gegen China gefordert hatte.

Wir leben in einer Zeit, in der das Zusammenspiel von Staat und Unternehmensmacht die Realität der internationalen Beziehungen mehr denn je prägt. In Kombination mit der gegenwärtigen nationalistischen und protektionistischen Gegenreaktion in weiten Teilen der Welt kann dies zu einer Wiederbelebung der globalen Rivalitäten führen: Staaten, die Unternehmen nutzen, um geopolitische Ziele in einem zunehmend feindlichen Umfeld zu erreichen, und mächtige Unternehmen, die vielleicht aggressivere Strategien anwenden, um Gewinne zu erzielen. Wenn wir in diese Richtung gehen, könnte das einen nachhaltigen Einfluss auf die Weltordnung haben.

Milan Babic, Eelke Heemskerk, and Jan Fichtner – Who is more powerful – states or corporations?

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