Interview: „Man macht die Syrer zu Marionetten“

Präsident Assad ist im syrischen Alltag omnipräsent. Foto: Kristin Helberg.

Der Syrienkrieg geht in sein achtes Jahr. Europa agiert planlos und nicht im Sinne des Aufbaus von Demokratie und Frieden. Die Politik von Trump verunsichert die Region. Doch was genau sind westliche Interessen in Syrien? Und wie ist Frieden möglich?

ÖkologiePolitik: Frau Kristin Helberg, Sie haben von 2001 bis 2008 in Damaskus (Syrien) gelebt. Wie erlebten Sie das Land und die Bevölkerung in dieser Zeit?

Kristin Helberg: Ich habe die Syrer als offen, herzlich und gastfreundlich wahrgenommen. Man konnte oberflächlich ein gutes Leben führen, wenn man sich an bestimmte Regeln hielt. Denn das Assad-Regime durchdringt die gesamte Gesellschaft über die Geheimdienste. Jeder Aspekt des Alltags wird vom Regime dominiert. Man kann also nicht alles sagen, was man denkt, leidet unter staatlicher Willkür und Korruption. Die meisten Menschen hatten über die Jahrzehnte gelernt zu schweigen, das politische Leben war tot. Als ich 2001 nach Syrien kam, war Präsident Bashar al-Assad gerade ein Jahr an der Macht. Es gab große Hoffnungen, doch Bashar erwies sich als Modernisierer, nicht als Reformer. Er hat das Land wirtschaftlich geöffnet, mit neoliberalen Reformen wie Privatisierungen, ausländischen Investitionen, dem Abbau von Subventionen. Dadurch spaltete sich die Gesellschaft in wenige Gewinner und viele Verlierer. Beamte und Angestellte brauchten einen zweiten oder dritten Job. Wer vorher schon wenig hatte – als Arbeiter, Bauer, Kleinunternehmer oder Handwerker – kämpfte um die Existenz. Damit hatte Bashar ausgerechnet diejenigen abgehängt, die ursprünglich die Basis des sozialistischen Baath-Regimes gewesen waren. Gleichzeitig blieb politisch alles beim Alten, es galten die gleichen roten Linien wie zuvor. Allgemeine Kritik war erlaubt, aber wer die Herrschaft der Assads infrage stellte, landete im Gefängnis.

Warum begehrten die Menschen in Syrien ab 2011 gegen das Assad-Regime auf?

Es waren die Verlierer der ersten Bashar-Dekade, die ab Frühjahr 2011 den Mut hatten zu demonstrierten. Sie hatten……

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