Interview: Bergarbeiter aus der Ukrainsk hat das geheime Gefängnis ohne Niere verlassen

Dieses Interview gibt es auf der Web-Seite der Deutschen Welle nur auf Ukrainisch. Danke auch dafür. Viele Ukrainer haben keine Ahnung, was sich in der „grauen Zone“ des Krieges abläuft.
Mykola Wakaruk, ein Bergarbeiter aus dem Städchen Ukrainsk hat das geheime Gefängnis des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU ohne Niere verlassen. Er habe dort fast 590 Tage verbracht. Im Interview erzählt er über seine Entführung, Folterungen und den Aufenthalt in der U-Haft in Charkow.

 Микола Вакарук

 

Deutsche Welle: Unter welchen Umständen wurden Sie verhaftet?

 

Mykola Wakaruk: Gegen 21.00 Uhr am 9. Dezember 2014 wurde an der Tür geklopft. Mein älterer Sohn, er war damals 14 Jahre hat gerufen: «Papa, die Polizei ist da». Ich dachte, ok, ich habe keine Probleme mit dem Gesetz. Ich habe geöffet. Ein Paar vermummte Menschen drangen in das Haus ein, ohne Papiere vorzuzeigen. Sie hatten auch keine Abzeichen auf der Uniform. Sie fragten: «Bist du Wakaruk?» Ich antwortete: «Ja, aber seid leise, ich habe 2 Kinder zu Hause.» Mein jüngerer Sohn war damals fast 2 Jahre alt. Sie beganen mit der Durchsuchung, haben alle Handys und meine Geldtasche mit 3 Tausend US-Dollar mitgenommen. Ich habe gerade eine Geldentschädigung für Verletzungsschaden bekommen und Griwna gegen Dollar umgetauscht. Ich habe meine Pistole Flobert und Schreckenschusspistole abgegeben, für die ich ein Waffenschein hatte. Die Durchsuchung dauerte etwa 30 Minuten. Dann wurde ich aus dem Haus geführt und einer von ihnen sagte: «Du verstehst, was jetzt passieren wird.» Mir wurden die Handschellen angelegt, ich bekam heftige Schläge in die Nieren und wurde in einen «Volkswagen» gezerrt und verhört. Ich wusste bereits, dass mein Ex-Kollege, auch ein Bergarbeiter Viktor Aschichin verhaftet wurde. Er war einer der Organisatoren des «Referendums» über die Abtrennung des Donbass von der Ukraine in unserer Stadt. Ich habe nie an dem Referendum teilgenommen, auch wenn ich mich gegen die Politik der Kiewer Machthaber aussprach. Manchmal rief ich meine Freunde an, die nach Donezk umgezogen waren. Einige von ihnen haben für die «Volksrepublik Donezk» gekämpft. Auch mit Aschichin und einigen anderen Menschen haben wir uns manchmal abends getroffen und die aktuelle Situation besprochen.

 

DW: Wurden Sie direkt im Auto verhört?

Mykola Wakaruk: Wir sind eine Weile durch die Straßen gefahren, vorher haben sie mir eine Plastiktüte auf den Kopf gesetzt. Die Navi Stimmen halfen mir zur Orientierung: Wir fuhren nach Krasnoarmejsk, zum Gebäude der Stadtverwaltung des Sicherheitsdienstes. Dort wurde ich in eine Haftzelle gesperrt. Am Morgen begann der Verhör. Zwei zivil gekleidete Männer haben die Fragen gestellt, andere haben mich auf die Nieren und auf den Rücken geschlagen. Auf der Uniform dieser Schläger habe ich die Abzeichen von Freiwilligenbataillonen «Dnipro 1» und «Donbass» erkannt. Sie wussten, dass ich behindert bin (2010 wurde Wakaruk bei einem Unfall im Bergwerk schwer verletzt, Anm. der Redaktion). Deshalb fragten sie, auf welche Körperteile sie mich schlagen können.

Gegen 16.00 Uhr hörte ich eine Frau in dem Nebenzimmer schreien. Sie war auch das Mitglied unserer «Bande». Der Ermittler fragte: Du willst wohl nicht, dass deine Frau so schreien wird? Danach stimmte ich zu, nach Diktat Angaben zu machen: Wie ich das Feuer beobachtete, Informationen sammelte und wie ich mich an den Sabotageaktionen beteiligte. Dann musste ich meine «Aussage» vor laufender Kamera wiederholen. Ich hatte schreckliche Angst um meine Familie.
Ich wurde wieder in ein Auto geschleppt, und mit der Plastiktüte auf dem Kopf nach Kramatorsk (eine Stadt in dem von der Ukraine kontrollierten Teil des Donbass) gefahren. Dort blieb ich bis zum 15. Dezember in einer Haftzelle, wo es so kalt war, dass das Wasser sofort einfror. Danach wurde ich nach Charkow gefahren.

 

DW: Wussten Sie, wo Sie sich in Charkow befinden?

Mykola Wakaruk: Nicht gleich, das wollten sie uns verheimlichen. Die Mithäftlingen haben mir später erzählt, wir befanden uns in dem Gebäude der Gebietsverwaltung des Sicherheitsdienstes SBU, in der Mironosytska-Straße. Dort wurden damals viele Maidan-Gegner aus Charkow untergebracht und regelmäßig in dem Duschram verprügelt. Die Gefängniswärter verhielten sich gegenüber uns viel zurückhaltender, auch wenn besoffene Wächter manchmal Tränengas in die Zelle gesprüht haben. Die Bedingungen waren viel besser als in Kramatorsk: Die Zellen waren warm, wir hatten anständige Betten mit Matratzen.

 

Ich wurde erst nach einer Woche zum Verhör gebracht. Der Ermittler hat in meinen Akten geblättert und gesagt, mein Geständnis sei Qatsch und jeder Anwalt kann das sehr schnell beweisen. Er sagte: «Du bist ein Kriegsgefangener und wirst umgetauscht.» Ich stimmte zu, weil der Umtausch nach den Gerüchten in drei Tagen stattfinden musste. Es gab ihn aber nicht, auch später nicht. Ich wurde erst am 25. Juli 2016 freigelassen.

 

DW: Wie waren die Bedingungen im Gefängnis? Gab es Ernährung, Späziergänge, Bücher?

Mykola Wakaruk: Die Ernährung war sehr schlecht: Wir bekamen morgens und abends ein Stück Brot und Tee (eine Substanz, die der Tee hieß). Zum Mittag- bzw. Abendessen gab es eine magere Suppe oder billigste Grütze. Unser Aufenthalt dort wurde überhaupt nicht finanziert: Wir existierten ja nicht. Seit Mai 2015 dürften wir einmal wöchentlich spazieren gehen. Um diese Zeit hat einer der Wächter einen kleinen Fernsehen mitgebracht. Die Dusche gab es einmal wöchentlich. Nach zwei Jahren habe ich 30 Kilo verloren.

 

Im Oktober 2015 bekam ich Nierenentzündung und hatte eine Woche lang Fieber. Die SBU-Leute haben mich zuerst in das Krankenhaus 17 gebracht, später wurde ich in die Gebietsklinik für Urologie und Nephrologie eingeliefert. Ich kann mich heute nicht an alles erinnern, weil ich ständig das Bewusstsein verloren hatte. Ich lag auf der Intensivstation unter falschem Namen — Iwanow Sergij Petrowitsch. Unter diesem Namen verbrachte ich in dem Krankenhaus einen Monat lang, unter diesem Namen wurde mir die Niere entfernt. Die ganze Zeit wurde ich von den Sicherheitsleuten begleitet. Sogar nach der Intensivstation wurde ich mit den Handschellen an das Krankenbett gefesselt.

 

DW: Ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Walerija Lutkiwska hat das Gebäude des Sicherheitsdienstes SBU in Charkiw besichtigt und keine Spur von dem geheimen Gefängnis gefunden. Wie konnte das passieren?
Mykola Wakaruk: Gegen 18.00 Uhr am 20. April wurden wir alle in einen Bus mit abgetönten Scheiben gesetzt und in Richtung Cholodnaja Gora (ein Bezirk der Stadt) gefahren. Der Bus fuhr in einen Hof und stand dort bis Mitternacht. Als wir zurückgefahren wurden, fanden wir unsere Zellen aufgeräumt wie in einer Kaserne auf: Es gab Kaffee und Aschenbecher, als ob sich hier die Wächleute entspannt hatten. Später erfuhren wir, dass hier eine Inspektion aus Kiew war.

 

Noch eine Inspektion fand nach einem Monat statt. Wir nahmen unsere Sachen mit und wurden in das Nachbargebäude in einen Keller, wo früher ein Luftschutzbunker war, gebracht. Dort war ein Schießstand untergebracht. Ich habe einige Hülsen mitgenommen und bis jetzt aufbewahrt. Man kann nachprüfen, aus welchen Waffen geschossen wurde.

 

DW: Warum wurden Sie freigelassen?

Mykola Wakaruk: Am 10. Juli 2016 geriet ich wieder ins Krankenhaus. Nach zwei Tagen war ich wieder im Gefängnis, wo es Gerüchte umliefen, im August sollten alle Häftlinge das Gefängnis verlassen. Am 25. Juli wurde ich zum Ermittler gebracht, der fragte: «Willst du raus?» «Ja», sagte ich. «Aber nicht in die Ukraine. Ihr werdet mich ja wieder verhaften.» Er bot mir an, einen Beleg über die Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst SBU zu schreiben. Ich habe geschrieben. Wir wurden zu sechs in ein Auto gesetzt und unterwegs aus dem Auto gesetzt: In der Nähe von Slawjansk, bei Kramatorsk, bei Druschiwka. Wir bekamen auch etwas Geld für die weitere Fahrt. Ich und Aschichin haben für dieses Geld ein Gebrauchshändy gekauft und seine Frau angerufen. Sie hat für uns ein Taxi bestellt.

 

DW: Wussten Ihre Familienangehörigen, wo Sie sind? Wurden Sie gesucht?

Mykola Wakaruk: Am zweiten Tag nach meiner Verhaftung durfte ich meine Frau anrufen. Ich sollte sagen, dass ich in der Polizei bin. Danach haben wir bis zu meiner Freilassung nicht gesprochen. Über die Menschen, die umgetauscht wurden, hat sie erfahren, dass ich am Leben bin. Mehr wusste sie nicht, weil Sie Angst hatte, mit den Menschen zu sprecheбn die «in der Volksrepublik Donezk» umgetauscht wurden. Meine Frau hat bereits am 17. Dezember 2014 eine Vermisstenanzeige bei der Polizei erstattet. Am 28. Juli 2016 kam ich zur Polizei selbst und erzählte die ganze Geschichte. Die Ermittlerin gab sich den Anschein, als ob sie nichts gehört habe und schrieb, ich wisse nicht, wer mich entführt hat und erhebe keine Ansprüche.

Quelle: 1 und 2

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