Der Nahe Osten verwaist

Die Welt verändert sich schlagartig, aber wir merken es erst mit großer Verzögerung. Thierry Meyssan kündigte 2012 die Ankunft der Russen in Syrien an – die erst drei Jahre später sichtbar wurde –, heute kündigt er den Rückzug der beiden Großen aus dem Nahen Osten an.

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In den nächsten Jahren soll der Nahe Osten seine Probleme selbst regeln. Die Vereinigten Staaten, die ihm seit dem Zweiten Weltkrieg ihren Willen aufgezwungen haben, und Russland, das gegen die Dschihadisten in Syrien gekämpft hat, wollen dort nicht mehr die Hauptrolle spielen. Die Völker der Region, die Jahrhunderte lang von den Kolonialmächten entmündigt und gegeneinander aufgebracht wurden, sollen sich jetzt nach Art der Erwachsenen betragen.

Die beiden Großen sind gleichzeitig Opfer schwerwiegender wirtschaftlicher Probleme.

Washington, das zur Zeit von George W. Bush den Ehrgeiz hatte, das 21. Jahrhundert müsste ein „amerikanisches“ werden, hat nicht mehr die Mittel dafür. Die Vereinigten Staaten mussten Russland und China zwangsweise mehr Raum lassen. Heute müssen sie ihre Kräfte im Fernen Osten konzentrieren, solange sie dazu noch in der Lage sind.

Präsident Barack Obama und seine Mitarbeiter haben Jeffrey Goldberg sehr lange Interviews gegeben, die dieser in einem endlosen Artikel zusammengefasst hat, der in The Atlantic erschienen ist [1]. Sie legen darin die Quintessenz der letzten sieben Jahre im Weißen Haus dar: die Streitkräfte zurückhalten, sich im Nahen Osten unter keinen Umständen mehr einbringen. Die Quincy-Allianz, 1945 von Roosevelt unterzeichnet und von G. W. Bush 2005 um 60 Jahre verlängert, hat keine Daseinsberechtigung mehr: Die Vereinigten Staaten brauchen kein saudisches Öl mehr und verschwenden ihre Zeit mit Wahhabiten, die sich nicht an die moderne Welt anpassen können. Die Carter-Doktrin von 1980, der zufolge das Pentagon die Ölfelder des Nahen Ostens unter Kontrolle haben muss und die letztlich zur Schaffung des CentCom geführt hat, ist überholt. Wenn die Sicherheit Israels stets gewährleistet ist, kann Tel-Aviv bei seinen Versuchen, sich vom Nil bis zum Euphrat auszubreiten, nicht auf die Hilfe der USA rechnen.

Ebenso klar war der russische Präsident, als er sich in seiner Marathon-Schau „Direkte Verbindung mit Wladimir Putin“ ausdrückte [2]. Aufgrund der Sanktionen des Westens hat sein Land im letzten Jahr eine Rezession von 3,7 Prozent erfahren und macht sich auf ungefähr 1,8 Prozent im nächsten Jahr gefasst, ehe es möglicherweise wieder das Wachstum aufnimmt. In Kenntnis der Tatsache, dass die Zentralbank nur 387 Milliarden Rubel für die Aktivierung hat, muss Russland so sparsam wie möglich sein, um diesen Sturm zu überleben.

Deshalb hat es seine Bomber aus Syrien zurückgezogen und wird sie nicht dorthin zurückschicken. Vor dem Abflug hat es die Syrische Arabische Armee mit moderner Ausrüstung versehen und sie in deren Gebrauch ausgebildet. Präsident Putin zufolge hat sie jetzt die Mittel, die verlorenen Gebiete allein zurückzuerobern.

Das Einzige, was Russland noch in der Region hält, ist die Notwendigkeit – für die Vereinigten Staaten ebenso wie für Russland – Präsident Erdoğan zu stürzen, ehe seine Herrenmenschen-Politik und seine Instrumentalisierung des Terrorismus eine globale Katastrophe auslösen. Folglich unterstützen heute Moskau und Washington die Kurden gegen ihn und wenn diese in Konflikt mit Syrien kämen, würde keiner der beiden Großen sich einmischen.

Wie unvorhergesehen und unvermittelt es auch sein mag, der Abzug der beiden Großen ist schon eine Tatsache. Er hinterlässt den Nahen Osten verwaist. Und da die Natur das Vakuum nicht mag, kämpfen Saudi-Arabien und der Iran ab jetzt frontal darum, ihren Einfluss dort auszudehnen.

Übersetzung
Sabine

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